Sehen, was andere übersehen.
Die TIC-Branche (Testing, Inspection & Certification) beeinflusst sämtliche Wirtschafts- und Lebensbereiche, sichert Unternehmen Marktzugang und sorgt für Qualität, Sicherheit und Compliance im Alltag. Eine der wichtigsten Berufsgruppen in dieser Branche sind Auditor:innen. Doch das Berufsbild von Auditor:innen ist außerhalb der Fachwelt kaum bekannt. Dabei bietet der Job gerade für Berufserfahrene eine der spannendsten Entwicklungs- und Aufstiegsperspektiven am Markt. Dieser Leitfaden fasst das Wichtigste zu Aufgaben, Qualifikationspfaden, Gehaltsstrukturen und Karrierechancen für angehende Auditor:innen zusammen.
1. Aufgaben – Was machen Auditor:innen?
Auditor:innen sind – neben Sachverständigen und Prüfingenieur:innen – das Herzstück jeder Zertifizierungsgesellschaft. Sie führen Audits bei Kunden vor Ort oder im eigenen Betrieb durch. Unter einem Audit versteht man einen systematischen Prüfprozess: Auditor:innen untersuchen ganze Organisationen, einzelne Bereiche, Prozesse und Abläufe, Dienstleistungen oder Produkte daraufhin, ob sie wirksam sind und konform mit Regelwerken (z. B. DIN- oder ISO-Normen) sind oder mit den Anforderungen des Kunden übereinstimmen.
Dafür nutzen Auditor:innen verschiedene Methoden: Sie prüfen Stichproben, analysieren Dokumente, führen Auditgespräche (Interviews) und beobachten Abläufe vor Ort. Dieser Abgleich deckt Verbesserungspotenziale auf – je nach Auditziel auch Auditfeststellungen oder Abweichungen genannt.
Es gibt drei Hauptarten von Audits
1st Party Audits (Interne Audits): Mitarbeitende der eigenen Organisation (häufig aus dem Qualitätsmanagement) oder beauftragte externe Berater prüfen interne Prozesse.
2nd Party Audits (Lieferanten-Audits): Unternehmen überprüfen die Regelkonformität der Prozesse innerhalb ihrer Lieferkette (durch eigenes Personal oder beauftragte Dienstleister).
3rd Party Audits (Zertifizierungsaudits): Unabhängige externe Zertifizierungs-Auditor:innen bewerten die Organisation eines Unternehmens im Auftrag einer Zertifizierungsgesellschaft (Konformitätsbewertungsstelle).
Was leisten Audits im Betrieb?
Audits ermitteln Optimierungspotenziale, unterstützen bei der Einführung von Managementsystemen, prüfen neue Abläufe in der Praxis, ermöglichen Chancen- und Risikobewertungen und helfen dabei, die Folgen organisatorischer Veränderungen abzuschätzen.
Auditor:innen nur als reine „Prüfende“ zu sehen, greift zu kurz. Durch ihre Einsätze lernen sie Branchen tiefgehend kennen und durchdringen komplexe betriebliche Zusammenhänge in kürzester Zeit. Sie denken sich rasch in Kundenunternehmen ein, bewerten Konformität und Wirksamkeit und unterstützen Betriebe verlässlich dabei, gesetzliche oder kundenseitige Pflichten einzuhalten.
Ein Audit in der Zertifizierungsbranche unterscheidet sich grundlegend von der Arbeit in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Wirtschaftsprüfer:innen (meist auch Auditor:innen genannt) testieren z.B. Finanzdaten (z.B. Jahresabschlüsse) auf Basis eigener Regelwerke (z. B. IFRS, HGB, ISA etc.) und Rechtsvorschriften. Zudem unterscheidet sich das Wirtschaftsprüfungs-Audit wiederum von der internen Revision: Während Auditor:innen unabhängig vom auditierten Unternehmen handeln, sind Revisor:innen häufig im Betrieb angestellt und/oder handeln im Auftrag der Geschäftsführung.
2. Bedarf – Wer braucht Auditor:innen?
3rd-party-Auditor:innen werden durch Zertifizierungsgesellschaften in nahezu allen Wirtschaftszweigen eingesetzt. Dazu zählen unter anderem:
Mobility (Automotive, Luft- und Raumfahrt, Railway, Transport)
Lebens- und Futtermittel
Nachhaltigkeit, Energie & Umwelt
Medizinprodukte & Pharmazeutische Industrie
Gesundheitswesen
Transport & Logistik
Produktion & Fertigung
Bildungswesen, Finanz- und Dienstleistungswirtschaft
Sport, Tourismus & Freizeit
Zertifizierungsgesellschaften/Zertifizierungsstellen sind entweder Teil eines größeren Unternehmens oder spezialisierte Einzelunternehmen. In Deutschland prägen große, global agierende Prüfdienstleister den Markt – wie die sieben TÜV-Konzerne, DQS, DEKRA, Bureau Veritas, DNV, SGS, LRQA oder KIWA. Parallel existieren spezialisierte, mittelständisch geprägte Anbieter (z. B. GTÜ, GUTCert, QUACERT, Zertifizierung Bau oder AGRICERT) und eine Vielzahl kleiner regional-verorteter oder branchenspezifischer Nischenanbieter.
Des Weiteren existieren Konformitätsbewertungsstellen mit Anbindung an öffentliche Träger, Vereine oder Verbände. Beispielhaft hier die Prüfstellen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung oder das VDE Prüf- und Zertifizierungsinstitut, VdS Schadenverhütung (Gesamtverband der Dt. Versicherungswirtschaft), ZDH-Zert (Zentralverband des Deutschen Handwerks) oder MPA Braunschweig (Materialprüfanstalt für das Bauwesen).
Seit einigen Jahren gewinnen investorfinanzierte TIC-Plattformen (z. B. CERTANIA, Normec, SOCOTEC, Phenna) an Bedeutung, die mittelständische Zertifizierungsgesellschaften nach dem Prinzip „Buy and Build“ integriert haben.
3. Karriere – Wie stehen die Jobaussichten?
Zertifizierungsgesellschaften suchen laufend nach qualifizierten Fachkräften für den Auditorenberuf. Die Jobaussichten für Auditor:innen sind und bleiben daher exzellent. Das liegt u.a. an zwei Hauptfaktoren:
Demografischer Wandel: Eine große Generation erfahrener Prüfkräfte geht in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Diese Lücke müssen Zertifizierungsstellen zügig schließen.
Wachsende Normenpflichten: In immer mehr Branchen und Bereichen wird die Einhaltung von ISO- oder DIN-Standards Pflicht. Der Bedarf an Zertifizierungen steigt. In Spezialbereichen (z. B. ISO 13485 für Medizinprodukte oder IATF 16949 Automotive) herrscht wegen regulatorischer Anforderungen akuter Mangel an qualifizierten Prüfkräften.
Zudem stehen Auditor:innen vielfältige Entwicklungswege offen: Sie wechseln z.B. in Positionen wie Akkreditierung, Produktmanagement, Business Development oder Vertrieb bei Zertifizierern. Einige erwerben über die Jahre ein so breites Wissen, dass sie Fachbücher publizieren, als Redner:in, Trainer:in auftreten, an Hochschulen lehren oder in nationalen wie internationalen ISO-Arbeitsgruppen an neuen Standards mitwirken.
4. Gehalt – Was verdienen Auditor:innen?
Die Gehaltsspannen variieren stark. Für gesuchte Spezialnormen (z. B. IATF 16949 im Automotive-Bereich, MDR oder ISO/IEC 27001 für Informationssicherheit) gelten hohe Zulassungshürden. Das spiegelt sich oft in höheren Gehältern wider.
Einflussfaktoren & Benefits
Kleine, regionale Zertifizierer zahlen oft geringere Gehälter als globale Konzerne, bieten dafür aber meist weniger Reisetätigkeit und neben der Audittätigkeit ein breiteres Aufgabenportfolio. Internationale tätige Auditor:innen mit Spezialwissen reisen dagegen häufig weltweit, was sich in der Vergütung niederschlägt. In aller Regel bieten die Zertifizierungsgesellschaften Auditor:innen einen Firmen-PKW auch zur privaten Nutzung. Große Prüfgesellschaften bieten weitere Benefits wie betriebliche Altersvorsorge, private Zusatzversicherungen sowie Unterstützungsangebote für Familie und Pflege.
5. Wie sieht der Arbeitsalltag des Auditors aus?
Der Alltag angestellter Auditor:innen verteilt sich typischerweise auf vier Arten von Arbeitstagen:
Homeofficetag (1–2 Tage/Woche): Termine koordinieren, Einsätze vor- und nachbereiten, Auditberichte verfassen
Audittag vor Ort (2–4 Tage/Woche): Inspektionen vor Ort und Auditgespräche mit Qualitätsverantwortlichen, Fachabteilungen und Geschäftsführungen
Remote-Audittage: Sie haben sich mittlerweile etabliert. Die Dokumentenprüfung und bestimmte Auditgespräche finden heute oft virtuell statt.
Firmen-Bürotag (2–3 Tage/Quartal): Dienstbesprechungen, Schulungen, Erfahrungsaustausch und Meetings am Standort des Arbeitgebers
Digitale Transformation, Künstliche Intelligenz, aber auch die Auswirkungen der Pandemie haben dafür gesorgt, dass sich für Auditor:innen Abläufe geändert haben. Das Vor-Ort-Audit ist in Teilen dem Remote-Audit gewichen. Hierfür gibt es mittlerweile eine eigene Norm, die ISO IEC TS 17012:2024 (Leitfaden für die Anwendung von Fernprüfungsverfahren). Jedoch bleibt die Vor-Ort-Inspektion einer Industrieanlage auch weiterhin Mittel der Wahl. Deshalb sollten Auditoren damit rechnen, dass sie ca. 10 bis 30 Prozent der Audits remote durchführen können und 70 bis 90 Prozent der Audits vor Ort beim Kunden sind. Die Auswirkungen von KI in Audits können heute noch nicht abgeschätzt werden, weil regulatorische Hürden für die Zertifizierung bestehen. Dass sich der Arbeitsalltag für Auditor:innen ändern wird (in Form einer stärkeren Entlastung bei Standard-Aufgaben, Prüfroutinen und Dokumentationsaufwänden), steht außer Frage.
Reisetätigkeit gehört fest zum Berufsbild – das ist vergleichbar mit einer Außendiensttätigkeit. Es gibt Unternehmen, die ihre Auditoren regional einsetzen, so dass man nur wenige Übernachtungen planen muss. Wer aber für Spezialnormen national oder gar international unterwegs ist, sollte mit mehreren Tagen Abwesenheit pro Woche rechnen. Wie Reisezeiten abgegolten werden und in welchem Radius Audits stattfinden, unterscheidet sich je nach Arbeitgeber.
Ein Ganztagesaudit ist physisch und psychisch herausfordernd. Daher haben viele gestandene Auditor:innen in ihrem Arbeitstakt Möglichkeiten zur Entspannung und zum Erholen geschaffen. Prüfgesellschaften haben darauf reagiert und bieten ihren Mitarbeitenden auch Möglichkeiten wie Sport, Fitness, Teamevents oder Gesundheitsschutzmaßnahmen, um Beruf und Familie im Einklang zu halten.
6. Entscheidung – Warum wird man Auditor:in?
Es gibt keinen erlernbaren Beruf Auditor:in. Es handelt sich um eine Aufstiegsqualifikation für Berufserfahrene. Auditor:innen sind daher ausnahmslos Quereinsteiger:innen. Sie haben auf ihrem Fachgebiet oder in ihrer Branche weitreichende Kenntnisse und Erfahrungen erworben, was sie zunächst für die Auditorenaufgabe qualifizieren kann. Denn ohne fachspezifische Ausbildung und mehrjährige Berufspraxis ist ein:e Auditor:in nicht in der Lage, im Audit die richtigen Fragen zu stellen und Probleme zu erkennen.
Es gibt auch keinen festen Weg, Auditor:in zu werden. Viele sind im Laufe ihrer Karriere mit dem Qualitätsmanagement in Berührung gekommen. Sie haben entweder in einer solchen Abteilung gearbeitet, als Fachverantwortlicher Audits begleitet, Werkstoffe oder Prüfmittel geprüft oder Qualitätsanalysen durchgeführt. Andere haben sich für die Normen- oder Prozessoptimierung interessiert und dann mit entsprechenden Regelwerken gearbeitet. Oft kommen Interessierte mit dem Auditor:in-Beruf in Berührung, weil sie in ihren Unternehmen interne Audits durchgeführt und externe Audits begleitet haben.
Vier Praxis-Beispiele für gelungene Karrierewege:
„Ein inspirierendes Zufallsprodukt“ – Dr. Phillip Käser, Geschäftsführer Dr.-Ing. Phillip Käser Consulting GmbH, Berlin, beschreibt den Beginn seiner Auditor-Laufbahn als „Zufallsprodukt“. Die Initialzündung kam vom Auditor einer Zertifizierungsgesellschaft, der ihn sehr inspirierte. Ein eher ruhiger, unaufgeregter Mann mit einer positiven und optimistischen Einstellung. Und er brachte ihm das wichtigste Prinzip nahe: sich selbst zurückzunehmen und dafür aktiv zuzuhören.
„Vom Konflikt zur Prävention“ – Frank Machalz ist Geschäftsführer der envigration GmbH Integriertes Management und selbst Auditor. Seine Laufbahn begann er mit klassischen juristischen Mandaten – wenn Konflikte bereits ausgebrochen waren. Nach dem gewollten Perspektivwechsel zum Auditor bewegt ihn die Prävention und Konfliktvermeidung. Seit 20 Jahren ist Machalz vor allem in Risikomanagement und Compliance im Einsatz. Er berät und auditiert aber auch im Nachhaltigkeits- und Business-Continuity-Management.
„Die Nische gefunden und erfolgreich besetzt“ – Martina Scharwey ist heute mit der KMS Consult selbständige Auditorin, Beraterin und Trainerin in Frankfurt am Main. Sie hat sich auf das Qualitätsmanagement in der Finance- und Banking-Branche spezialisiert. Immer mehr Kunden hatten sie um Beratung und Audits in genau diesem Feld gebeten. Zum damaligen Zeitpunkt war dies noch keine typische Dienstleistung. Es gab schlicht keine qualifizierten Auditor:innen mit genau der Finance-Erfahrung, die Scharwey hatte.
„Die Seite gewechselt“ – Dr. Markus Reimer ist Berater, Auditor, Redner und Autor von Fachbüchern. Er saß früher einmal an der „anderen Seite des Tisches“, als Qualitätsmanagementbeauftragter einer Bildungseinrichtung. Vor etwa 15 Jahren arbeitete er mit einem Auditor zusammen, der ihn durch seine zugewandte, humorvolle Art und sein Interesse an Menschen beeindruckte. Er wurde Reimers Mentor und Unterstützer.
7. Voraussetzungen – Welche Anforderungen gelten?
Die Anforderungen an Auditor:innen können – je nach Zertifizierungsstelle und deren Akkreditierung (z. B. durch die DAkkS oder durch eine ausländische Stelle) – tatsächlich variieren. Deshalb lohnt hier immer die Anfrage bei der Zertifizierungsstelle. In diesem Beitrag hier haben wir detailliert zusammengestellt, welche Anforderungen angehende Auditor:innen erfüllen müssen, um berufen zu werden:
Formelle und abgeschlossene Ausbildung bzw. Studium (die meist auf das künftige Einsatzgebiet des Regelwerkes ausgerichtet ist). Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass Auditor-Interessenten mindestens das DQR-Level 6 (Bachelor-Studium, staatlich geprüfter Techniker oder Meister) erfüllen müssen.
Branchenerfahrung: Mindestens 4 bis 5 Jahre allgemeine Berufspraxis sowie je 2 Jahre spezifische Erfahrung in Fachgebieten, für die ein Einsatz geplant ist
Auditor-Schulung: Absolvieren einer 5-tägigen (40-stündigen) Qualifizierung
Fachbezogene Zusatzschulungen für das jeweilige Regelwerk
Audit-Praxiserfahrung: Durchführung von Audits unter Aufsicht erfahrener Kolleg:innen (bis zu 20 Praxistage)
Wichtig: Alle Qualifikationen müssen lückenlos durch Zeugnisse, Urkunden und Testate belegt werden. Die Zertifizierungsstelle wird diese zu Beginn anfordern, um zu prüfen, ob Sie „berufungsfähig“ wären. Denn sie muss sie später auf Anforderung gegenüber der nationalen Akkreditierungsbehörde (in Deutschland ist dies die DAkkS) vorweisen können.
Sind die Nachweise hierfür erbracht, erfolgt die Berufung als Auditor:in. Die Voraussetzungen dafür können je nach Regelwerk variieren. Zum Beispiel sind für das Regelwerk IATF 16949 (Automotive) weiterführende fachliche Prüfungen zu absolvieren.
8. Ausbildung – Wie läuft die Qualifizierung ab?
Wenn Sie sich entschlossen haben, Auditor:in zu werden, dann haben Sie idealerweise einige Jahre in verantwortlichen Fach- und Führungsfunktionen gearbeitet. Zunächst absolvieren Sie eine Auditor-Ausbildung bei einem Bildungsträger.
Schulungsanbieter für die Auditor-Ausbildung gibt es viele. Die meisten (mittleren und großen) Prüfdienstleister betreiben hauseigene Akademien und bieten u. a. Qualifikationsmaßnahmen für Auditor:innen an. Darüber hinaus können Sie Ihre Ausbildung auch bei vielen unabhängigen Bildungsanbietern absolvieren. Da der Markt unübersichtlich ist, empfehlen wir zwei Dinge.
Fragen Sie bei Auditor:innen, die Sie in Ihrer Berufspraxis kennengelernt haben, nach einer Empfehlung.
Für eine anerkannte Prüfung mit Zertifikat sollte Ihr Anbieter nach AZAV oder DIN EN ISO/IEC 17024:2012 akkreditiert sein.
Als Auditor-Trainee begleiten Sie Lead-Auditor:innen an mindestens zehn Audittagen bei Kundenunternehmen. Gegebenenfalls absolvieren Sie weitere fachliche Schulungen, wenn dies das Regelwerk vorschreibt, für das Sie Auditor sein möchten. Viele Auditor-Trainees wollen als Lead-Auditor:in zugelassen werden, um Zertifizierungsaudits (3rd party-Audits) durchzuführen.
9. Einsatzmöglichkeiten – Welche Modelle gibt es?
Angehende Auditor:innen entscheiden in der Regel aus drei Beschäftigungsformen:
Modell 1: Vollzeit-Festanstellung: Sie sind angestellt bei einer Zertifizierungsgesellschaft mit der Sicherheit eines festen Arbeitsverhältnisses.
Modell 2: Nebenberufliche Selbstständigkeit: Sie reduzieren Ihre Haupttätigkeit und arbeiten tageweise als freiberufliche Prüfkraft (Achtung: auf Interessenkonflikte achten).
Modell 3: Vollständige Freiberuflichkeit: Sie auditieren selbstständig im Auftrag mehrerer Zertifizierer, oft kombiniert mit eigenen Beratungsmandaten.
10. Kompetenzen – Was muss man wissen und können?
Auditor:innen waren früher eine „Instanz“. In Unternehmen herrschte fast so etwas wie Ehrfurcht, wenn das Audit anstand. Zu dieser Zeit wurden Audits eher formalisiert durchgeführt, fixiert auf Checklisten und Fragenkataloge, von denen nicht abgewichen wurde. Erfreulicherweise haben sich Rolle und Selbstverständnis von Auditor:innen in den vergangenen Jahren gewandelt. Der Beruf und dessen Ausübung ist moderner geworden.
Heute ist eine neue Generation von Auditor:innen aktiv, die mit ihren Kunden einen intensiven Dialog führen will. Sie denkt mit und begegnet Mensch und Organisation auf Augenhöhe. Sie ist übrigens nicht zuletzt jünger und auch weiblicher geworden.
Die genauen Kompetenzanforderungen für Auditor:innen sind in den entsprechenden Normen geregelt. Darüber hinaus halten Zertifizierungsstellen in ihren Jobprofilen weitere Anforderungen fest. Die gängigsten Normen sind die folgenden:
DIN EN ISO 19011:2026 – „Leitfaden zur Auditierung von Managementsystemen“: Die zentrale Leitlinie beschreibt unter anderem, welche fachlichen und persönlichen Kompetenzanforderungen Auditor:innen erfüllen und welche Auditprinzipien sie einhalten müssen.
DIN EN ISO/IEC 17021-1:2015 – „Anforderungen an Stellen, die Managementsysteme auditieren und zertifizieren“: Sie beschreibt ausführlich, welche fachlichen und persönlichen Kompetenzen ein Auditor einer Zertifizierungsgesellschaft haben muss.
DIN EN ISO/IEC 17065:2013 – „Anforderungen an Stellen, die Produkte, Prozesse und Dienstleistungen auditieren und zertifizieren“: Dieser Leitfaden ist u.a. maßgebend für Produkt- und Prozessprüfungen (z. B. Medizinprodukte).
ISO IEC/TS 17012:2024 – „Leitfaden für die Anwendung von Fernprüfungsverfahren bei der Prüfung von Managementsystemen“ – definiert Anforderungen für Remote Audits.
Langjährig tätige Auditor:innen benennen folgende Persönlichkeitseigenschaften und Kompetenzen als wichtig:
Beurteilungskompetenz: Auditor:innen müssen abwägen können, was angemessen ist. Sie müssen Risiken und Chancen betrachten und beurteilen können, was „konform zur Norm“ ist.
Anpassungsfähigkeit: Sie müssen sich anpassen an immer neue Menschen, Situationen und Vorgänge.
Abstraktionsvermögen, Fähigkeit übergreifend zu denken: Bei aller Fachlichkeit braucht es den generalistischen Blick.
Eigenmotivation: Die Themen sind fordernd, es gibt immer Neues zu sehen/lernen.
Reflexionsfähigkeit: Auditor:innen müssen jederzeit kritisch sein, sowohl gegenüber sich selbst als auch gegenüber den Kunden, denn das ist der Wert eines Audits.
Konfliktfähigkeit: Auditor:innen begegnen unterschiedlichen Menschen, die alle anders reagieren. Hier zu jeder Zeit auf der Sachebene zu bleiben, ist wichtig.
Objektivität: Auditor:innen dürfen nicht mit fertigen Lösungen kommen, sondern sollen ermitteln, was es noch braucht und was bereits vorhanden ist.
Offenheit für Neues: Jedes Unternehmen hat individuelle Lösungen, um Ziele zu erreichen. Das müssen Auditor:innen akzeptieren, auch wenn es nicht den eigenen Vorstellungen entspricht.
Überparteilichkeit, Unbestechlichkeit: Auditor:innen stehen immer im Fokus. Sie müssen ethisch-moralisch exakt arbeiten, integer sein.
Gewissenhaftigkeit: Allein wegen der Berichte/Reports, die zu schreiben sind, müssen Auditor:innen sorgfältig arbeiten. Darüber hinaus braucht es Exaktheit bei der Analyse, Sorgfalt in den Fragen und beim Aufzeigen von Abweichungen gegenüber der auditierten Norm, die prägnant und fundiert begründet sein müssen.
Kommunikationsfähigkeit: Die Kommunikation (mündlich/schriftlich) für Auditor:innen ist spezifisch. Sie müssen unfallfrei Texte schreiben können und sich einen Auditor-Schreibstil angewöhnen. Darüber hinaus müssen sie pointiert und exakt formulieren können.
Auftreten: Der Auftritt muss souverän und professionell sein. Sich zu verstellen, nützt nichts, dann wird das Audit nicht gut.
In unseren Fachartikeln auf der Website erfahren Sie im Detail, wie Sie Ihre überfachlichen Fähigkeiten mithilfe des psychometrischen Testverfahrens Auditor Personality objektiv analysieren und weiterentwickeln können.
11. Karrieretipps erfahrener Kolleg:innen
Spezialisieren: Bauen Sie eine klare Expertise auf, anstatt sich zu breit aufzustellen.
Mentoring nutzen: Suchen Sie sich einen erfahrenen Auditor als Mentor, der Sie zum Hospitieren mitnimmt und beim Netzwerkaufbau hilft.
Geduld mitbringen: Der Weg zur vollständigen Berufung erfordert Zeit und Ausdauer.
Konfliktbereitschaft: Wer nur Harmonie sucht, wird im Audit scheitern – Stehvermögen bei Abweichungen ist Pflicht.
Lebenslang lernen: Normen, Branchen und Organisationen verändern sich rasch; kontinuierliche Weiterbildung sichert Ihren Marktwert.
Reisebereitschaft prüfen: Klären Sie vorab ehrlich ab, ob das Leben aus dem Koffer zu Ihren privaten Lebensumständen passt.
Distanz aushalten: Persönliche Beziehungen entstehen auch hier. Aber Integrität und Unabhängigkeit sorgen dafür, dass Sie bei Ihren Kunden „keine Freunde finden“ werden. Denn Nähe birgt Interessenkonflikte.
Im Audit muss man in der Lage sein, ein ‚potemkinsches Dorf‘ zu erkennen. Dafür braucht man die richtigen Methoden, um hinter die Fassade blicken zu können.
Stephan Rehfeld, Auditor, Berater & Geschäftsführer scope & focus Service Gesellschaft mbH
12. Job mit Zukunft – Was fasziniert am Auditieren?
Erfahrene Auditor:innen eint eine große Begeisterung für Menschen und Organisationen:
„Jederzeit neugierig und wissbegierig sein zu dürfen und Unternehmen von innen zu sehen – dort, wo ein Normalsterblicher niemals hineinblicken kann. Das ist spannend und dient zugleich dem respektvollen Umgang mit anderen Wissensträgern.“
– Frank Machalz
„Ein moderner Auditor will die Wirksamkeit von Verbesserungsmaßnahmen sehen. Er geht im Betrieb auf unterschiedlichste Menschen zu und überzeugt sich vor Ort davon, ob Maßnahmen wirken. Das fasziniert mich.“
– Stephan Rehfeld
„Jedes Kundenunternehmen ist anders – ob Struktur, Kultur oder Prozesse. Als Auditor ist man nicht nur Prüfer, sondern Begleiter auf dem Weg zu einem exzellenten Unternehmen.“
– Martina Scharwey
„Mich begeistert, dass ich eine sehr abwechslungsreiche Arbeit mache und ein breites Portfolio bediene. Jedes Mal wende ich mich unterschiedlichen Menschen zu – und dafür wird mir Wertschätzung entgegengebracht.“
– Dr. Markus Reimer