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Neues & Analysen aus dem TIC-Markt

Arbeitsmarkt Auditor:innen:
Jede vierte TIC-Fachkraft bald in Rente

Demografischer Wandel in Zahlen
Ina Westphal · 7. April 2025

Der demografische Wandel eröffnet erfahrenen Auditor:innen erstklassige Karrierechancen in der gesamten Qualitätsinfrastruktur. Ina Westphal blickt auf die aktuellen Zahlen. Sie beschreibt die Folgen für Beschäftigte, Unternehmen und ihre Kunden. Und sie erläutert, welche Maßnahmen Prüfunternehmen jetzt ergreifen können, um Wertschöpfung und weiteres Wachstum zu sichern.

Die Prüfdienstleistungsbranche steht vor einem großen Umbruch: Jede vierte sozialversicherungspflichtig beschäftigte TIC-Fachkraft in Deutschland geht in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand. Aktuellen Analysen des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) zufolge sind bundesweit 6,7 Millionen Beschäftigte heute 55 Jahre oder älter. Schon jetzt zeigt der Blick auf die Karriereseiten der vier größten Prüfdienstleister in Deutschland einen extrem hohen Stand an unbesetzten Stellen für Auditoren und Sachverständige.

Verschärfter Wettbewerb im wertschöpfenden Kernbereich

Die demografische Entwicklung und der Mangel an Nachwuchs treffen die Unternehmen nicht überraschend. Der Wettbewerb um qualifiziertes Personal wird jedoch durch hohe Hürden verschärft: Es gibt am Markt schlichtweg zu wenige Spezialist:innen, die die strengen Zulassungsvoraussetzungen erfüllen, wie etwa Auditor:innen für IATF 16949 oder Sachverständige für Funktionale Sicherheit. Statistisch gibt es bundesweit für sechs von zehn offenen Akademiker-Stellen keine passend qualifizierte Fachkraft. Auf den TIC-Markt übertragen bedeutet das: Für ausscheidende Prüfkräfte existiert aktuell kein adäquater Ersatz. Der Engpass trifft direkt die wertschöpfenden Hauptbereiche der Prüfdienstleister.

Das Mismatch-Paradoxon bei der Personalauswahl

Der Mangel an akademischen Fachkräften steht in einem bemerkenswerten Gegensatz zur aktuellen Wirtschaftslage in Deutschland und den personellen Freisetzungen in der produzierenden Industrie. Dieses Mismatch-Paradox trifft vor allem ältere, hochqualifizierte Arbeitnehmer. Sie bringen zwar umfassendes Fachwissen mit, verfügen aber oft nicht über die spezifische, zulassungsrelevante Berufspraxis in bestimmten Branchenbereichen, die für eine Berufung als Auditor:in zwingend erforderlich ist. Diese Praxis lässt sich nicht durch reine Qualifikationsmaßnahmen ersetzen.

Die Analyse im Detail

Die steigende Nachfrage nach hoch qualifizierten Experten/Spezialisten in der TIC-Branche trifft auf sinkende Erwerbstätigen-Zahlen. Zu den Gewinner-Branchen im Zuge der sozial-ökologischen Transformation und des Digitalisierungsschubs gehört vor allem der Branchen-Bereich „Technische, physikalische und chemische Untersuchung“. (wozu Prüfdienstleister zählen) Quelle: Bertelsmann-Stiftung („Nachhaltigkeitswandel als Jobmotor für die deutsche Wirtschaft“)

Zwischen 2020 und 2040 wird in Deutschland die Zahl der 45 bis 66-jährigen Erwerbstätigen um 3,2 Millionen schrumpfen. (ein Minus von 13,3 %) Bis 2040 werden 5,1 Millionen Berufstätige  mit einem hohen Qualifikationsprofil (Bachelor und höher) aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Die bis 2040 auf/in den Arbeitsmarkt drängenden Generationen sind verstärkt in Dienstleistungstätigkeiten qualifiziert, während die aus dem Erwerbsleben ausscheidenden Generationen häufiger in produzierenden Berufen qualifiziert/tätig sind. Quelle: Bertelsmann-Stiftung („Wegweiser Kommunen“)

Wie begegnet die TIC-Branche der Entwicklung?

Die wertschöpfenden Berufsgruppen der Prüfdienstleister sind Sachverständige, Auditoren, Gutachter, Consultants, Inspekteure/Prüfer und Techniker. Wer in einer dieser Berufsgruppen bei Prüfdienstleistern arbeitet, muss in der Regel länger berufserfahren und weitreichend qualifiziert sein. Den Qualifikationsrahmen geben vielfach Gesetze, Regelwerke oder Verordnungen vor. Nur dann können diese Experten berufen/zugelassen und damit eingesetzt werden.

Die genannten Berufsgruppen sind (auch wegen Personalmangels) einer hohen Arbeitsbelastung und anspruchsvollen Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Ein Beispiel: Auditoren für die Standardnormen 9001, 14001 und 50001 absolvieren – je nach Unternehmen - zwischen 120 und 150 Audittage pro Jahr (bei durchschnittlich 220 Arbeitstagen/Jahr).

Die Prüfdienstleister kämpfen – wie andere Unternehmen auch – seit Jahren mit einer älter werden Belegschaft. Ein Beispiel: Der Geschäftsbericht 2023 des TÜV Nord weist für die Belegschaft (in Deutschland) aus, dass 42 % der Mitarbeitenden im Alter zwischen 51 und älter sind. Es braucht daher neue Konzepte für die Personalgewinnung. Es braucht eine Diskussion über Belegschaften, die fit für die Zukunft sind und darüber, wer künftig die verstärkte Nachfrage nach TIC-Dienstleistungen bedient.

Um das Ausfallrisiko zu begrenzen, greifen Zertifizierungsstellen und Prüfdienstleister zu unterschiedlichen Maßnahmen:

  • Aktivrente: Erfahrene Auditor:innen werden über die Regelaltersgrenze hinaus angestellt weiterbeschäftigt – meist verbunden mit dem Wunsch nach reduzierter Arbeitszeit.

  • Freiberuflichkeit: Ausscheidenden Fachkräften wird angeboten, als „feste“ Freiberufler im Auftrag des Unternehmens zu arbeiten, um Kundenstämme weiterzubehandeln.

  • Teilzeit- und Kombinationsmodelle: Der 100-Prozent-Prüfauftrag weicht schrittweise flexibleren Modellen. Die Audittätigkeit wird dabei mit Aufgaben im Vertrieb oder im Audit-Management kombiniert. Dies senkt lebensphasenbedingte Belastungen, ohne dass die Fachkraft das Unternehmen verlässt.

  • Vereinbarkeit für Frauen: Um den Beruf für Frauen mit Kindern attraktiver zu machen, setzen erste Unternehmen auf regional verortete Einsätze mit weniger Reisetätigkeit sowie Unterstützungsangebote wie Kinderbetreuung oder Eldercare.

  • Digitalisierung: Die Vorbereitung und Dokumentation von Prüfprozessen wird zunehmend durch den Einsatz von Software, Hardware und KI digital unterstützt.

Fazit:
Es herrscht nicht erst in Zukunft sondern bereits heute akuter Mangel an Fachpersonal bei Prüfdienstleistern – und zwar für die wertschöpfenden Hauptbereiche. Den Auswirkungen kann sich niemand entziehen. Das Problem ist nicht neu, es kommt auch nicht schleichend daher. Jetzt wird es darauf ankommen, welche Konzepte und Maßnahmen Prüfdienstleister ergreifen, damit Wertschöpfung gelingt und weiteres Wachstum möglich ist.

Quellen

Analysen von KOFA (Kompetenzzentrum Fachkräftesicherungl) https://www.kofa.de/daten-und-fakten/ueberblick-fachkraeftemangel/
https://www.kofa.de/daten-und-fakten/studien/groesste-besetzungsprobleme-in-ostdeutschen-flaechenlaendern/

BIBB-Report (3/2022)

Bertelsmann-Stiftung: Broschüre „Wegweiser Kommunen“

Autorenprofil

Ina Westphal ist Personalberaterin und seit mehr als 20 Jahren in und für die TIC-Branche tätig.

  • Position Geschäftsführende Gesellschafterin bei Hellmund. Die Personalberater.
  • Fokus Besetzung von Führungs- und Expertenpositionen in der Prüfdienstleistungsbranche sowie von Qualitäts- und Nachhaltigkeitsfunktionen in Unternehmen.
  • Expertise Executive Search, Professional Search, Eignungs- und Managementdiagnostik
  • Kontakt https://www.linkedin.com/in/ina-westphal/

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