Starker Druck, schwache Bindung:
Warum der Auditoren-Beruf an Attraktivität verliert
Viel Reisetätigkeit, bürokratischer Aufwand und Personalmangel belasten Auditor:innen zusehends. Ina Westphal beleuchtet, welche Rolle der Person-Umwelt-Fit spielt und warum immer mehr Fachkräfte kündigen oder sich selbstständig machen. Eine Analyse der aktuellen Schwachstellen.
Der Arbeitsdruck auf Auditor:innen ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Was einst als abwechslungsreiches, hochgeschätztes Berufsfeld galt, entwickelt sich für viele Fachkräfte zunehmend zu einer Dauerbelastung. Immer mehr erfahrene Prüfer:innen ziehen die Reißleine und kehren ihren Arbeitgebern oder gleich der gesamten Branche den Rücken. Um diesen Trend zu stoppen, müssen Zertifizierungsgesellschaften und Prüfdienstleister genauer hinsehen: Woran liegt es, dass die Bindung an den Beruf so spürbar nachlässt?
Die schleichende Veränderung des Arbeitsalltags
Die Ursachen liegen primär in der konkreten Ausgestaltung der täglichen Arbeit und den Rahmenbedingungen. Die individuelle Belastung von Auditor:innen hat sich im Laufe der Jahre erhöht. Zu den zentralen Belastungsfaktoren im Feld gehören:
Auditor:innen absolvieren heute deutlich mehr Audits pro Jahr. Waren es vor 5 Jahren für einen Auditor (für die 9001,14001, 50001) noch durchschnittlich 125 Audit-Tage, sind es heute mittlerweile bis zu 150 Audit-Tage.
Auditor:innen werden häufig zentral verplant, haben wenig Einfluss auf ihre Einsätze (heute Hamburg, morgen München).
Für Weiterbildungen bleibt immer weniger Zeit – Audit-Einsätze haben Vorrang.
Die Nachbereitung von Audits wird oftmals am Wochenende erledigt.
Die Zahl der Remote-Audit-Tage sind rückläufig. Präsenz wird wieder erwartet.
Digitale Anwendungen zur Audit-Unterstützung haben sich bisher noch nicht durchgesetzt.
Der Wandel im Personalmarkt der Prüfdienstleister
Erschwerend kommt hinzu, dass sich das Marktumfeld für die Arbeitgeber selbst fundamental gewandelt hat. Prüfdienstleister stehen vor strukturellen Herausforderungen auf dem Personalmarkt, die den Druck im Kessel weiter erhöhen:
Die Anforderungen an die Berufung von Auditoren nehmen zu – genauso wie die benötigten Kompetenzen.
Die Zahl der Fachkräfte sinkt seit Jahren, da ein Großteil der Alterskohorte 50+ angehört.
Immer weniger Auditor:innen bedienen eine wachsende Nachfrage – mehr Unternehmen, mehr Regelwerke
Die Konsequenz: Der Teufelskreis aus Kündigung und Mehrbelastung
In der Arbeitspsychologie spricht man vom „Person-Environment-Fit“ – der Passung zwischen den Bedürfnissen eines Menschen und den Bedingungen seines Arbeitsumfelds. Genau dieser Fit leidet im Audit-Bereich aktuell massiv.
Wenn die Diskrepanz zwischen Aufwand, Belastung und persönlicher Wertschätzung zu groß wird, ziehen Auditor:innen die Konsequenz: Sie kündigen, wechseln in die interne Qualitätssicherung von Industrieunternehmen oder machen sich als freiberufliche Auditor:innen selbstständig. Ironischerweise verstärkt genau dieser Schritt den Teufelskreis: Die verbleibenden angestellten Auditor:innen müssen die entstandenen Lücken füllen und geraten unter noch höheren Druck.
Wer den Kollaps im Personalbestand verhindern will, darf die Symptome nicht weiter ignorieren. Prüfdienstleister müssen die Rahmenbedingungen im Audit dringend modernisieren – z. B. durch den Einsatz digitaler Tools zur Entlastung bei der Dokumentation und flexiblere Arbeitszeitmodelle, die dem Berufsstand seine ursprüngliche Attraktivität zurückgeben.