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China geht in der Normung in die Offensive.
Was bedeutet das für die TIC-Branche und deutsche Unternehmen?

#TIC in Zahlen
Ina Westphal · 22. September 2026

Seit Jahren findet – weitgehend unter dem Radar - eine massive Machtverschiebung in der Standardisierung und Normung statt. In den Standardisierungsorganisationen ISO, IEC übernimmt China immer stärker das Ruder. Was dahinter steckt, welche Auswirkungen das auf Unternehmen und Märkte hat, darüber schreibt Ina Westphal.

 Standards & Normen sind wichtig. Warum müssen sich Unternehmen auch noch um die Normung Gedanken machen?

Der bisherige Konsens ist: Normen brauchen alle Wirtschaftszweige, aber vor allem der Industriesektor. Weil Schrauben in Muttern, Ventile in Heizungen und Software zu Hardware passen müssen. Der Prozess der Entwicklung heißt (verkürzt formuliert) Normung oder Standardisierung. Viele Jahrzehnte engagierten sich Wirtschaftsunternehmen weltweit für Standardisierung über Grenzen, Produkte, Unternehmen hinweg. Deutschland war hier traditionell lange ein Vorreiter, weil viele Entwicklungen und Innovationen aus Deutschland kamen.

Waren bis jetzt Innovationen, Patente, Marken, Muster für Unternehmen der Faktor für wirtschaftlichen Erfolg, so heißt eine weitere wirtschaftliche Währung in Zukunft Normung.
Ina Westphal

Die Entwicklung neuer Standards und Normen ensteht in einem Konsensprozess - in Organisationen, wie der ISO (International Organization for Standardization) oder der IEC (International Electrotechnical Commission). Lange galt daher: Standardisierung vereint die Welt und vernetzt Länder, Wirtschaft, Gesellschaften. Denn Vereinheitlichung führt zusammen und ist wichtig für globale Warenströme.

Doch seit vielen Jahren wird deutlich, dass Standards und Normen zunehmend Macht-Instrumente werden und keineswegs unpolitisch sind. Denn wer Standards beherrscht, beherrscht den Markt. (Schon Werner von Siemens wusste das). Die „westliche Welt“ trieb über viele Jahrzehnte federführend die Standardisierung voran, um in einer globaleren Welt Handel treiben zu können. Doch seit gut 15 Jahren findet eine stille Machtverschiebung in der Normung statt.

Der neue Machtfaktor China

Wir erinnern uns: Wer Standards beherrscht, beherrscht den Markt. China handelt heute nach diesem Prinzip, und zwar mit bemerkenswerter strategischer Konsequenz. Besonders sichtbar wird das, sieht man sich das chinesische Engagement in der ISO (International Organization for Standardization) einmal genauer an.

Der Anteil der durch China geführten Sekretariate der Technischen Komitees (TC) bzw. Subkomitees (SC) ist in einem Zeitraum von 15 Jahren extrem stark gewachsen. In absoluten Zahlen:  2011 führte China noch 45 Sekretariate der Technischen Komitees und Subkomitees. 2025 bereits 92. Stand September 2026* sind sogar 99 Sekretariate fest in chinesischer Hand. Damit liegt China heute vor den USA (die ihre Aktivitäten im gleichen Zeitraum drastisch reduziert hat), vor Frankreich, Japan und Großbritannien.

China nimmt seit Jahren außerdem aktiv Einfluss auf die Normungsarbeit. Die Beiträge zu internationalen Normen stiegen von 13 (vor 2000) auf 182 im Jahr 2015 (neuere Zahlen liegen leider nicht vor). Ein Indikator für systematisch aufgebaute Normungskompetenz. China ist heute ein weltweit führend in der Entwicklung von Standards für wichtige Zukunftstechnologien. Besonders deutlich wird dies im ITK-Sektor. (Hierzu wird auf die aktuelle Studie der Humboldt-Universität verwiesen)

Was ist das Problem an Chinas Engagement?

China hat eine bemerkenswerte Transformation vollzogen: Vom passiven Übernehmer ausländischer Normen hin zum aktiven Gestalter eigener und internationaler Standards. Der Grundstein wurde 1988 mit dem chinesischen Normungsgesetz gelegt. Seither verlagerte sich die Strategie von der Anpassung hin zu Eigenentwicklung und internationaler Einflussnahme. Der Nationale Normungsentwicklungsplan formuliert das Ziel unmissverständlich: China will bis 2035 die globale Führungsrolle in der Normung. Ein Standardisierungsmanagementsystem mit chinesischer Prägung – mit Einfluss auf Märkte, von der Regierung geführt, von chinesischen Unternehmen genutzt, international integriert. China greift nach den Normen, setzt eigene Standards.

Mit gravierenden Folgen für europäische Technologien und Unternehmen. Deutschland und Europa droht, bei der Normung und Standardisierung von Zukunftstechnologien abgehängt zu werden. In einigen Gremien fehlten bis vor kurzem sogar deutsche Vertreter, somit gab es keine Einflussmöglichkeiten auf neue Standards. Auch der BDI warnt in seinem Strategiepapier „Europäische Souveränität stärken“* vor den Folgen.
 
Wie reagiert Deutschland darauf?

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz hatte 2023 das „Deutsche Strategieforum für Standardisierung“ eingerichtet und möchte so die internationale Rolle Deutschlands stärken und ausbauen. „Normung und Standardisierung sind für die Qualitätsinfrastruktur von erheblicher wettbewerbspolitischer Bedeutung für Deutschland“ ließ das Ministerium damals wissen. Das Gremium plant, Anreize für ein Engagement in der Normungsarbeit setzen, mehr Experten für die Normung/Standardisierung gewinnen und das Thema in der Hochschul- und Berufsbildung stärker zu verankern. Im März 2026  nahm das Deutsche Strategieforum seine Arbeit „erneut auf“, um den Einfluss Deutschlands „auf die künftige Modernisierung der deutschen Qualitätsinfrastruktur“ voranzutreiben, wie der Leiter Unterabteilung Digitale Wirtschaft, Qualitätsinfrastruktur im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Dr. Ole Janssen, im März 2026 schrieb*. Was ist in Deutschland in den letzten 3 Jahren in Sachen Standardisierungs-Strategie passiert? Durch den Regierungswechsel vermutlich nicht viel. Wertvolle Zeit, die ungenutzt blieb.

Während dessen kämpft der deutsche Mittelstand mit Doppelstandards und Kosten und Aufwänden, u.a. für das Engagement in der formalen Normung. Im Gegenzug unterstützt der chinesische Staat mit viel Geld die Aktivitäten seiner Unternehmen. Ein Ungleichgewicht.

Was bedeutet diese Entwicklung für den TIC-Markt?

Chinas Engagement ist eine strategische Zäsur: Wer künftig in Märkten tätig ist, die von chinesischen Normen dominiert werden, muss als Unternehmen deren Standards einhalten. Global agierende TIC-Unternehmen brauchen heute mehrere Akkreditierungen und umfassende Prüfkompetenz. Gleichzeitig entstehen im Spannungsfeld zwischen chinesischen, europäischen und US-amerikanischen Standards (sichtbar z. B. bei der Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge) Fragmentierungsrisiken. Das erhöht für Unternehmen die Kosten (z.B. parallele Zertifizierungen für unterschiedliche Märkte zur Einhaltung regulatorischer Anforderungen). Es verlangsamt deutlich das Innovationstempo (weil mehrere Standards mitgedacht werden müssen) und zieht Lieferkettenprobleme nach sich. Die TIC-Industrie muss sich hier als Partner und Berater der Industrie stärker positionieren, und Prüf- und Zertifizierungsbedarfe frühzeitig erkennen und Kapazitäten aufbauen.

Normen sollen der Welt dienen. Doch dafür müssen sie die (gesamte) Welt repräsentieren und die Stimmen aller Länder hören. Der Blick auf diese Entwicklung, lässt erahnen, dass Vielfalt verloren geht.

Quellen

D. Fuchs, S. Eaton, P. Grunert: „China und die Geopolitik der IKT-Standardisierung – Erkenntnisse aus einer multinationalen Umfrage“, Humboldt-Universität zu Berlin, August 2026 - https://techtonics.pages.cms.hu-berlin.de/project/output/China-and-the-geopolitics-of-ICT-standardization/

Webseite der ISO: https://www.iso.org/home.html und https://www.iso.org/files/live/sites/isoorg/files/about%20ISO/iso_in_figures/docs/iso_in_figures_2025.pdf

Webseite der Expertenkommission Forschung und Innovation: https://www.e-fi.de/

Post von Dr. Ole Janssen, Leiter Unterabteilung Digitale Wirtschaft, Qualitätsinfrastruktur · Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: https://www.linkedin.com/posts/dr-ole-janssen-27b991b2_deutsches-normung-standardisierung-share-7435392484597428224-x5xT/

Kleine Anfrage der CDU/CSU-Fraktion zu ersten Ergebnissen des Deutschen Strategieforum Standardisierung und zu internationaler Normung/Standardisierung mit Fokus China: https://dserver.bundestag.de/btd/20/148/2014834.pdf und

Antwort auf die Anfragen der damaligen Bundesregierung darauf: https://dserver.bundestag.de/btd/20/150/2015026.pdf und hier: https://dserver.bundestag.de/btd/20/112/2011279.pdf

BDI-Strategiepapier: https://bdi.eu/de/publications/europaeische-souveraenitaet-staerken

Autorenprofil

Ina Westphal ist Personalberaterin und seit mehr als 20 Jahren in und für die TIC-Branche tätig.

  • Position Geschäftsführende Gesellschafterin bei Hellmund. Die Personalberater.
  • Fokus Besetzung von Führungs- und Expertenpositionen in der Prüfdienstleistungsbranche sowie von Qualitäts- und Nachhaltigkeitsfunktionen in Unternehmen.
  • Expertise Executive Search, Professional Search, Eignungs- und Managementdiagnostik
  • Kontakt https://www.linkedin.com/in/ina-westphal/

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