Ungenutzte Potenziale:
Frauen im TIC-Markt 2024
Der viel zitierte Fachkräftemangel in der Prüfdienstleistungsbranche ist hausgemacht, solange qualifizierte Frauen vor den Glastüren des Top-Managements scheitern. Und auch der Anteil in der Belegschaft ist kein Grund zum Feiern. Wir blicken hinter die Fassade (und in die Geschäftsberichte) der großen TIC-Unternehmen in Deutschland. Die Analyse für 2024 zeigt auf, welche Akteure vorangehen, wo Nachholbedarf herrscht – und warum Vielfalt längst zu einem wirtschaftlichen Wettbewerbsvorteil geworden ist.
Wie groß ist der Anteil der Frauen in der Gesamtbelegschaft der 14 größten in Deutschland tätigen Prüfdienstleistungsunternehmen?
In unserer Reihe #TICinZahlen in LinkedIn erheben wir interessante Marktzahlen der TIC-Branche (Testing, Inspection, Certification). Im März 2025 - pünktlich zum Internationalen Frauentag - haben wir uns näher angesehen, wie hoch der Frauenanteil an der Belegschaft und in Führungspositionen in den 14 größten in Deutschland tätigen Prüfdienstleistungsunternehmen ist. Kein leichtes Unterfangen, wie sich herausstellt.
Schließlich machen Frauen die Hälfte der Bevölkerung aus. In der TIC-Branche stellen sie im Durchschnitt ein Drittel der Mitarbeitenden. Der 8. März – Internationaler Frauentag - war für uns dieses Jahr Anlass, um einen Blick auf die Prüfdienstleisterbranche zu werfen. Wie steht es um den Frauenanteil in der Mitarbeiterschaft?
Wir haben recherchiert auf Webseiten, in Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichten oder im Bundesanzeiger. Ehrlich gesagt, ein mühsamer Prozess. Denn Unternehmen erfassen uneinheitlich und mit unterschiedlichen Methoden. Überwiegend lagen uns Zahlen aus 2023 vor, teilweise mussten wir auf Daten aus 2022 zurückgreifen. Eine Vergleichbarkeit ist also nur eingeschränkt möglich, aber Trends ablesbar.
Daten zum Frauenanteil an der Zahl der Gesamtbeschäftigten waren denn auch nicht Anhieb zu finden. Uns überraschte, dass sogar so bekannte Unternehmen, wie DEKRA, DQS und Intertek keine Angaben zum Anteil der Frauen an der Beschäftigtenzahl veröffentlichen. Einzelne Prüfdienstleister geben mittlerweile Zielwerte für den Frauenanteil in der Belegschaft in Höhe von 30 % an (KIWA). Für die Auswertung waren nur globale Daten verfügbar (Deutschland konnte nicht einzeln betrachtet werden). Sie sehen also den Frauenanteil an der Gesamtbelegschaft (global).
Was haben wir betrachtet?
Die 14 bekanntesten Prüfdienstleistungsgesellschaften, die in Deutschland aktiv sind (es gibt natürlich mehr....) und hier den Frauen-Anteil an den Gesamtbeschäftigtenzahl. (Frauen in Führung haben wir auch ermittelt, dazu später einmal mehr). Wie vorbildhaft sind Prüfdienstleister, was die Beschäftigung von Frauen in der TIC-Branche anbelangt? Das ist schwer zu beurteilen. Den Zahlen ist nicht zu entnehmen, ob weibliche Beschäftigte eher in einfachen Helferberufen, kaufmännischen Funktionen oder in Expertenfunktionen (wie z.B. Auditoren und Sachverständige) tätig sind.
Stellt man weitere Zahlen zur Berufstätigkeit von Frauen ins Verhältnis, wird klar, warum das schwierig ist.
22 Prozent der berufstätigen Frauen waren 2022 in Deutschland in MINT-Berufen tätig (VDI, 2025)
Frauen erreichen in Deutschland im Durchschnitt höhere Abschlüsse als Männer. Zugleich üben Frauen häufiger Tätigkeiten mit geringerem Anforderungsniveau aus. (IAB, 2025)
Frauen steigen seltener auf als Männer (41 Prozent bei Frauen vs. 59 % bei Männern, IAB 2025)
Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit als Männer. (Vereinbarkeit) Es gibt noch immer große Lohnlücken zwischen den Geschlechtern.
Regionale Unterschiede: Der Anteil der Frauen in Ost und West, die komplexen Spezialisten Tätigkeiten nachgehen, ist unterschiedlich. Er liegt in Ost bei 47,0 %. In West bei 37,3 %. (IAB, 2019)
Also mehr Frauen für die TIC-Branche? Ja natürlich! Die demografische Entwicklung verschärft den Fachkräftemangel weiter. Abwarten ist keine Option.
Frauen in der TIC-Branche? Da geht eindeutig noch mehr!
In den obersten Führungsgremien der TIC-Branche sind Frauen noch immer unterrepräsentiert.
Der niedrige Anteil an Führungsfrauen ist natürlich kein Phänomen der Branche. Da unterscheidet sich die TIC-Branche nicht von anderen. Der Weg zu mehr Ausgewogenheit in Führungsteams der TIC-Industrie ist noch lang. Und eine Hoffnung müssen wir direkt begraben: Nein, es war nicht möglich, die Zahlen für Frauen über alle Führungsebenen bei den 14 größten in Deutschland aktiven TIC-Gesellschaften zu erheben. Wie beim Frauenanteil in der Belegschaft gibt es auch hier keine einheitliche Datengrundlage.
Welche Management-Level erheben die Berichte?
Executive Board bis Führung III
Führungsebene (Seniormanagement)
Operative Führungsebene
Führung (Vorstand, GF, leitende Angestellte)
alle Führungsebenen mit Personalverantwortung
Miteinander vergleichbar ist hier leider nichts. Deshalb haben wir uns auf die Daten zu den oberen Führungsgremien konzentriert. Diese haben wir größtenteils manuell ausgezählt. (ja, richtig gelesen)
Was bedeutet „oberstes Führungsgremium“?
Die strategischen Entscheider-Gremien, die das tägliche Geschäft führen und/oder die Überwachungsfunktion ausüben. (Vorstand, Aufsichtsrat, Geschäftsführung, Executive Boards etc. - siehe Legende in der Grafik) Uns ist klar, dass das die Vergleichbarkeit einschränkt. Die Zahlen zeigen also lediglich einen Trend.
Wie hoch ist der Frauenanteil in den obersten TIC-Führungsgremien?
Er differiert von 0 % bis 33,3 Prozent.
In absoluten Zahlen: 38 Frauen arbeiten in obersten Führungsgremien (in Relation zur Gesamtzahl von 169 Personen bezogen auf die 14 größten TIC-Gesellschaften). Die eingeschränkte Aussagekraft der Daten wird auch daran deutlich, dass in Aufsichtsräten auch Arbeitnehmervertreterinnen berufen sind.
Erfreulich: zwei Führungsfrauen sind im TIC-Markt CEO (global). Bei Bureau Veritas ist dies Hinda Gharbi (seit 2023) und bei SGS Géraldine Picaud (seit 2024).
Nicht erfreulich: 2024 haben einige Frauen die obersten TIC-Führungsgremien in Deutschland verlassen. Sie wurden bevorzugt mit Männern oder gar nicht nachbesetzt.
Gibt es Zielvorgaben für Frauen in Führung?
Jein. Wer berichtspflichtig ist, hat Zielwerte. Für Vorstand/Aufsichtsrat gelten Zielwerte zwischen 25 % und 33 %. Bei unteren Führungsebenen durchaus nur 15 %. Zielwerte sehen auch so aus: „Für Frauen der ersten und zweiten Führungsebene möchten wir 10 % mehr gerechnet auf den Wert des Jahres 2021 erreichen.“
Was ist nötig, damit mehr Frauen Führungspositionen in der TIC-Industrie übernehmen können und wollen? Eine gute Frage, auf die wir derzeit noch keine ausreichenden Antworten haben.