5 Fragen an ... Nicole Körner, Koordinatorin Mentoring

Wie das Mentoringprogramm Potsdamer Studentinnen und Nachwuchswissenschaftlerinnen dabei hilft, ihre Potenziale zu entdecken und warum Frauenförderung immer noch ein wichtiges Anliegen ist, berichtet Nicole Körner, Programmkoordinatorin an der Universität Potsdam.

Nicole Körner, Jahrgang 1976, hat das Programm Mentoring Plus der Universität Potsdam seit 2014 mit aufgebaut und im Prozess gestaltet. Zuvor betreute sie knapp zehn Jahre lang als Potsdamer Standortmanagerin das brandenburgweite Universitätsprojekt „Mentoring für Frauen“. In ihr Berufsleben startete die Diplom-Kauffrau 2002 in einem Verein in Bad Belzig als Projektleiterin einer Mobilitätsoffensive für Frauen, die auf den Arbeitsmarkt zurückkehren.

Für wen wurde das Programm Mentoring Plus im Career-Service der Universität Potsdam konzipiert und mit welchem Ziel?

Ursprünglicher Initiator des Mentoring-Programms war das Land Brandenburg. Mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds gefördert, sollten drei Hochschulen im Verbund einen Anteil zur Frauenförderung leisten. Ziel war es junge, gut ausgebildete Akademikerinnen am Abwandern aus der Region zu hindern, ihnen den brandenburgischen Arbeitsmarkt schmackhaft zu machen und sie im besten Fall in Führungspositionen zu bringen. Eine Vision, der unser Programm nicht in dem gewünschten Maße gerecht werden konnte.
Eine große Aufgabe des Programms, das inzwischen nicht mehr auf ESF-Mittel angewiesen ist und als Mentoring Plus für Potsdamer Studentinnen und Nachwuchswissenschaftlerinnen angeboten wird, ist und bleibt es, junge Frauen in ihren Persönlichkeiten zu stärken, ihre Potenziale sichtbar zu machen und ihnen den Raum zu geben, ihre Herausforderungen und Ideen zu besprechen. Dass wir Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber aus der Region als Mentorinnen und Mentoren im Boot haben, ist uns ein wichtiges Anliegen und hilft, für die beruflichen Optionen im Land Brandenburg zu sensibilisieren.

Mit welchen Fragestellungen und Erwartungen nehmen Mentees am Programm teil? Was treibt sie um?

Oft ist es die Angst davor, sich in einer immer komplexeren Arbeitswelt zurechtzufinden. Die jungen Frauen sind bestens ausgebildet, haben praktische Erfahrungen, sprechen mehrere Sprachen und sind ehrenamtlich aktiv. Der Glaube an diese guten Voraussetzungen und sich selbst geht in der Übergangszeit, in der sie sich befinden, allerdings oft verloren.
Mit der Teilnahme am Mentoring-Programm wünschen sich die Mentees Orientierung, eine Wegbegleitung, eine Stärkung und Sicherheit – oder auch eine Idee dafür, wie sie den Druck loslassen und mehr in ihre Fähigkeiten vertrauen können.

Wie finden Sie geeignete Mentorinnen und Mentoren und welche Motive haben diese, sich 10 Monate auf ein zusätzliches, Zeit bindendes Abenteuer einzulassen?

Inzwischen gibt es um das Programm herum ein großes, gut funktionierendes Netzwerk. Vor einigen Jahren noch haben wir unsere Werbung für Mentoring in viele Richtungen gestreut. Heute setzen wir auf Empfehlungen durch jene, die wir kennen und die uns kennen, in der Regel erfahrene Mentorinnen und Mentoren. Es gibt zudem etliche Fach- und Führungskräfte, die sich wiederholt für dieses Programm mit ihrer Expertise und Erfahrung zur Verfügung stellen und engagieren.
Gemeinsamkeiten, die diese Menschen verbinden, sind wohl ihre mangelnden zeitlichen Ressourcen, aber auch ihre Überzeugung, junge Menschen von der eigenen Erfahrung profitieren zu lassen. „Abenteuer“ trifft es gut! Einen jungen Menschen auf einem Teil der Reise zu begleiten, bringt auch Erlebnisse und Aha-Momente für die Begleitpersonen. Sie bekommen Input und (kritische) Fragen gestellt – dabei reflektieren sie den eigenen beruflichen Werdegang, Entscheidungen die sie getroffen haben, eigene Ziele und Visionen.
Motive sind natürlich auch der Zugang zur Hochschule und damit zu potenziellen Nachwuchskräften, auch wenn Mentoring – das ist wichtig zu betonen – keine Personalvermittlung ist!

Wie erleben Sie die Mentees und ihre Begleitpersonen auf Zeit und dann danach?

Mentees und ihre Mentorinnen und Mentoren erlebe ich partnerschaftlich, die gemeinsam wachsend an einer Sache arbeiten – wohlwollend, offen und auf Augenhöhe – als Gesprächspartnerinnen und -partner, die sich Vertrauen schenken, und als jene die sich im Lernprozess befinden. Mit den Mentees passiert viel während eines Mentoring-Jahres. Sie gewinnen Zuversicht, werden gelassener, bekommen Ideen und setzen sie um. Das haben sie in erster Linie sich selbst zu verdanken – in zweiter Linie ihrer externen Begleitung und auch der Peergroup, von der jede Mentee in der Regel stark profitiert.
Mentorinnen und Mentoren gehen oft mit wenigen Erwartungen, eher mit einer Überzeugung für die Sache, ins Programm. Mit einem persönlichen Gewinn, mindestens einer Bekanntschaft fürs Leben und/oder beruflichen Kooperationen gehen sie aus dem Programm heraus. Etliche bleiben uns treu.

Sind Sie mit dem Programm auf dem richtigen Weg oder woran messen Sie den Erfolg?

Die Erfolge des Programms sind vor allem qualitativ, sie passieren in der Beziehung und der persönlichen Entwicklung und sie sind sehr individuell. Natürlich evaluieren wir unsere Programmdurchgänge und bekommen auch greifbare Aussagen. Stark sind z.B. die Ergebnisse einer Alumnae-Befragung, die wir 2017 durchgeführt haben. Allein die Rücklaufquote von 70 % (der befragten und erreichten ehemaligen Mentees) ist bemerkenswert. 98 % der Befragten empfanden es als einen Bonus an einem Frauenförderprogramm teilgenommen zu haben. Die meisten (83 %) erlebten eine Stärkung ihrer Persönlichkeit, viele profitierten vom Austausch unter Gleichgesinnten (59 %) und der Zusammenarbeit mit der Mentorin/dem Mentor (41 %). Knapp 80 % der befragten Frauen sagen, dass ihnen ihre Mentoring-Erfahrungen bei der beruflichen Orientierung geholfen haben. Die Mehrheit der Frauen kann sich vorstellen, sich einmal selbst als Mentorin zu engagieren. Einige ehemalige Mentees haben sich in den vergangenen Jahren bereits als Mentorinnen zur Verfügung gestellt, um dem Programm und ihrer Alma Mater etwas zurückzugeben – das ist großartig.

Eine der größten Erfolge, verbunden mit einer enormen Wertschätzung für das universitäre Programm, ist es wohl, dass dieses inzwischen (zumindest teilweise) an der Uni verstetigt ist. Frauenförderung bleibt ein wichtiges Anliegen, Mentoring ein passendes Instrument.

Weiterlesen: https://www.uni-potsdam.de/de/career-service/studierende/programme/mentoring-fuer-studentinnen.html

Foto: Nina Tschirner