5 Fragen an ... Karolin Helmich, Integrationsberaterin

Wie INGA, eine ganzheitliche Integrationsberatung der Bundesagentur für Arbeit Arbeitssuchende unterstützen kann und warum Unternehmen stärker auf berufsbegleitende Qualifikationsmaßnahmen für ihr Personal achten sollten, beantwortet Karolin Helmich, Integrationsberaterin in Potsdam.

Karolin Helmich, seit 2007 Mitarbeiterin der Bundesagentur für Arbeit, berät innerhalb des Arbeitnehmerservice arbeitssuchende und arbeitslose Fach- und Führungskräfte im Rahmen von INGA, führt Trainings und Seminare durch. Zuvor war die studierte Soziologin und Medienwissenschaftlerin als Beraterin und Teamleiterin im Arbeitgeberservice der BA tätig. Seit 2011 ist sie außerdem stellvertretende Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt. Derzeit absolviert sie nebenberuflich ein Studium zur Systemischen Beraterin und Therapeutin.

Foto: privat

Welche Beratungstätigkeit verbirgt sich hinter dem Begriff INGA und mit welchem Ziel?

INGA ist eine Kurzform für Interne ganzheitliche Integrationsberatung. Intern steht für eine intensive Begleitung und Unterstützung der Arbeitsuchenden durch besonders qualifizierte und erfahrene Beraterinnen und Berater in persönlichen Gesprächen und auch kleinen Seminaren. Der ganze Mensch, mit all seinen individuellen Rahmenbedingungen, z. B. seinen familiären, sozio-ökonomischen und gesundheitlichen Konditionen, steht hierbei im Fokus.
Und die Integrationsberatung beschreibt den Prozess von der Arbeitslosigkeit bzw. Arbeitssuche bis hin zur hoffentlich langfristigen Arbeitsaufnahme: Dazu gehören u. a. gemeinsame Strukturierung der persönlichen Situation, berufliche (Neu-)Orientierung oder Perspektiven, das Nutzen verschiedener Netzwerke (extern), der Austausch mit anderen Bereichen (intern: Arbeitgeberservice, Berufsberatung, Psychologischer Dienst, Ärztlicher Dienst etc.), eine Stärken- und Zielanalyse, Förderleistungen (Probearbeit, Lohnkostenzuschüsse und insbesondere Weiterbildung), Über- bzw. Erarbeitung von Bewerbungsunterlagen, Vorbereitung auf Vorstellungsgespräche und Assessmentcenter und einiges mehr. Bei Bedarf bieten wir auch eine Nachbetreuung, was den Prozess verstetigen kann.
Insgesamt ist INGA erfolgreich und wurde nach jahrelanger Projektarbeit fest in allen Agenturen bundesweit implementiert.

Seit nunmehr vier Jahren beraten Sie Arbeitssuchende in diesem speziellen Team. Welche Kompetenzen und Fähigkeiten oder persönlichen Umstände der Arbeitssuchenden müssen Sie besonders im Blick haben, wobei können Sie diejenigen konkret unterstützen?

Ich nehme mir die Zeit, die Lebenssituation des Menschen, der mir gegenübersitzt, zu verstehen. Dazu können ganz private Lebensumstände gehören: wie Familie und Partnerschaft, Kinder und deren Betreuung, pflegebedürftige Angehörige, private Netzwerke, Wohnsituation, finanzielle Voraussetzungen und anderes, die im Hinblick auf eine Arbeitsaufnahme wichtig sind (Arbeitszeit, Arbeitsort, berufliche Entwicklung…). Und ich lasse mir immer ausführlich das letzte Arbeitsverhältnis und die Umstände, die zur Beendigung desselben führten, beschreiben. Gemeinsam werden dann individuelle und möglichst keine allgemeingültigen Stärken erarbeitet. Hierbei unterscheide ich fachliche und soziale Fähigkeiten. Die Konzentration auf die Befähigungen des Menschen ist für mich von zentraler Bedeutung.
Mich interessieren zudem persönliche Interessen, ehrenamtliches Engagement und insbesondere die Berufsziele, sowohl inhaltlich als auch die Rahmenbedingungen derjenigen, die Hilfe suchen. Außerdem berate ich ausführlich zum Thema Weiterbildung und Qualifizierung. Ganz konkret unterstütze ich Arbeitssuchende ganzheitlich und nicht punktuell.

Wie beurteilen Sie die Arbeitgeberseite, die Fach- und Führungskräfte sucht? Erleben Sie Offenheit und Flexibilität oder Fokussierung und engen Handlungsrahmen für eine Vermittlung von Arbeitskräften?

Offenheit und Flexibilität der Arbeitgeber hängen ganz klar von Angebot und Nachfrage ab. Je weniger Fachkräfte auf dem Markt verfügbar sind, je weniger Bewerbungen eingehen, desto eher öffnen sich die Firmen gegenüber Quereinsteigern, Berufsanfängern und älteren Bewerberinnen und Bewerbern, wie wir es aktuell z.B. im Bereich der Erziehungsberufe und Lehrkräfte erleben.
Ein großes Handlungsfeld sehe ich bei schwerbehinderten Menschen. Trotz der immer geringer werdenden Arbeitslosigkeit nimmt die Quote der schwerbehinderten Menschen, die auf Arbeitssuche sind, stetig zu. Hier bestehen nach wie vor unnötige Ängste und Vorbehalte seitens der Unternehmen.

Wie gelingt es, die Potenziale von Frauen mit guter Ausbildung aber familienbedingter Unterbrechung wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren? Wie offen ist die Arbeitgeberseite und wie erleben Sie die Frauen?

Frauen, die nach einer Familienphase wieder in den Beruf einsteigen wollen, können beispielsweise in Potsdam durch das Projekt Perspektive Wiedereinstieg – mit Rückendeckung durch alle Beratungskräfte und die Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt – unterstützt und gecoacht werden. Fortbildungen, die einen schnellen beruflichen Wiedereinstieg wahrscheinlicher machen, können dabei sehr hilfreich sein. Ich berate nahezu täglich zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
Andererseits ist zu beobachten, dass Frauen nach wie vor in vielen Bereichen schwerer in den Arbeitsmarkt zu integrieren sind. In Vorstellungsgesprächen sind sie häufig Fragen nach Kindern (Planung und Betreuung) ausgesetzt, die Männern nicht gestellt werden. Andererseits sind sie – vielfach familiär vereinbart – weniger flexibel hinsichtlich Arbeitszeit und -ort. Viele Frauen müssen oder wollen sich nur in Teilzeit und wohnortnah zur Verfügung stellen, da sie sich noch immer mehrheitlich für die Betreuung der Kinder oder die Pflege Angehöriger verantwortlich fühlen. Solange Männer allerdings in fast allen Bereichen deutlich mehr verdienen und bessere Aufstiegschancen haben, wird sich daran nur sehr langsam etwas ändern. Und leider trauen sich in meiner Wahrnehmung Frauen zudem oft weniger zu.

Welchen Einfluss hat die digitale Transformation auf den Arbeitsmarkt und auf die Vermittlung von Arbeitskräften?

Die Digitalisierung wird nahezu alle Berufe verändern, es bleibt fast nichts, wie es war. Neue und insbesondere digitale Kompetenzen sind dafür unerlässlich. Themen wie lebenslanges Lernen und stetige Weiterbildung werden immer wichtiger. Damit Menschen ihre Arbeitsplätze behalten können, müssen sie berufsbegleitend weitergebildet werden. Dafür stehen auch die Firmen in der Pflicht, ihrem Personal Wege und Möglichkeiten zu öffnen, auch um die Firmen wettbewerbsfähig zu halten. Es gilt, Arbeitslosigkeit durch rechtzeitige und auch weitsichtige Qualifizierungsentscheidungen zu verhindern.
Bildung wird für alle, ob Führungskraft oder Arbeitnehmer ein noch wichtigeres Gut. Neue Arbeitskulturen und -modelle werden entstehen (Telearbeit, kollaborative Projekte, Mobilität, Vernetzung und anderes). Der Arbeitsmarkt wird immer internationaler und interkultureller. Fremdsprachenkenntnisse werden immer wichtiger.
Aus meiner Sicht verändern sich Such- bzw. Findungsprozesse zwischen potenziellen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Soziale Berufsnetzwerke wie XING und LinkedIn gewinnen schon jetzt immer mehr an Bedeutung. Und auch die Bundesagentur für Arbeit wird sich in ihrer beratenden Funktion anders ausrichten (müssen).