5 Fragen an ... Christine Regitz, Vice President User Experience / Chief Product Expert, SAP SE

Warum mehr Frauen den Aufsichtsräten guttun und über die Notwendigkeit von weiblichen Vorbildern in technischen Berufen, spricht Christine Regitz, Vice President User Experience und Chief Product Expert, SAP SE.

Foto: privat

Frau Regitz, woran liegt es, dass Frauen in den sogenannten MINT-Berufen zwar mehr werden, aber noch immer nicht in den Fachbereichen und in der Wirtschaft eine Selbstverständlichkeit sind?

Naja, auch in den MINT Berufen sind die Frauen nicht gerade auf dem Vormarsch. Auch wenn es peu à peu mehr werden, es ist trotzdem nur ein Tropfen auf den heißen Stein, noch keine kritische Masse, da ist noch viel zu tun! Es ist ja ein umfänglich bekanntes Thema, dass jungen Frauen Vorbilder in der Breite fehlen, auf allen Ebenen, nicht nur im Management. Wir brauchen ja unbedingt auch die Frauen, die in Verantwortung hineinwachsen. Und nicht nur in den Studiengängen der MINT-Fächer sondern auch in den Wirtschaftswissenschaften fehlen ja schon Vorbilder für junge Frauen: Die Wirtschaftsprofessuren sind auch noch männlich dominiert. Man muss sich fragen, welche Signale setzen wir gesellschaftlich?

Was ist dann bei Ihnen anders gelaufen?

Manchmal ist es ganz simpel: zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Für einen selber ist es entscheidend, zu verstehen, welcher „Typ“ man ist, wo seine Interessen und Talente stecken. Ich bin jemand, der von Klein auf Zugang zu technischen und mathematischen Themen und Fragen hatte, aber auch angeregt wurde, also familiär und auch schulisch keine Einschränkungen erlebt hatte. Nicht, dass ich schon früh wusste, ich will XYZ werden, aber ich hatte dadurch Anregungen und eine Vielzahl möglicher Berufsbilder im Kopf. Ich habe einfach immer die Augen offengehalten, immer rechts und links geschaut! Und was mich wirklich ausmacht, ich habe auch mal einen neuen Weg eingeschlagen, also eingefahrene Bahnen verlassen. Was keinesfalls zu unterschätzen ist, dass das soziale Umfeld, die Familie sehr wichtig sind, die einen motivieren, ermuntern, Neues zu wagen. Ich habe einen Mann, der stolz darauf ist, was ich tue, wofür ich mich beruflich interessiere und engagiere, was ich erreicht habe.

Können Sie als Aufsichtsrätin in einem männlich geprägten, aber multikulturellen und weltweit agierenden Unternehmen sich überhaupt mit dieser Thematik einbringen oder Veränderungen herbeiführen?

Wir arbeiten bei der SAP für den Markt in einer globalen Welt. Für das Thema Diversity sensibel zu sein, ist der Schlüssel zum Erfolg und insbesondere »cultural Diversity« weitet den Blick, ist wichtig für Innovation. Gerade als Frau kann ich hier Zeichen setzen und etwas ändern. Frauen sind in der Regel sensitiver, meist auch neugieriger, was andere Kulturen angeht, Wertesysteme und Normen zu verstehen, Verhaltensweisen kennenzulernen. Das erlebe ich tagein, tagaus in meinem Unternehmen, muss mich damit auseinandersetzen, mein Verhalten hinterfragen. Frauen spüren auch eher, ob in einem Gremium, einer Gruppe von Menschen gerade eine Konflikt schwelt, die Situation wirklich geklärt ist. In Entscheidungsgremien einen Konflikt nicht sauber gelöst zu haben, potenziert sich und rächt sich. Das gilt natürlich für alle Gruppen. Ich kann auch hier als Frau im Aufsichtsrat wieder Vorbild sein. Es geht, und es geht auch ohne Alphamentalität. Ein Aufsichtsrat unseres Unternehmens ohne Frauen ist heute nicht mehr denkbar.

Alle reden im Rahmen digitaler Transformationsprozessen in der Gesellschaft von manifesten Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, von enormen Jobverlusten, gerade auch für Frauen und gering qualifizierte Arbeitskräfte. Stimmen diese Voraussagen oder wohin geht Ihrer Ansicht nach die Entwicklung?

Ich denke, viele der Aussagen gehen in die richtige Richtung. Für Frauen ist das natürlich zweischneidig. Einerseits bin ich überzeugt, dass auf keinen Fall in sogenannten klassischen Frauenberufen solche Disruptionen auftreten, die die Frauen ins Aus katapultieren, eher im Gegenteil. In der Kinderbetreuung, in der Pflege, in medizinischen Fachgebieten u.a., also überall, wo der Dienst am Menschen erforderlich ist, wird die Digitalisierung unterstützen, auch Beschwerliches abnehmen, aber nie alles übernehmen. Die Fachkräfte können sich Dank der Digitalisierung auf ihre Kernaufgabe, den Menschen, fokussieren.
Natürlich werden viele Assistenz- und Sachbearbeitungstätigkeiten wegfallen, alles was einfach zu automatisieren ist, wird automatisiert. Aber Frauen arbeiten ja in vielen Bereichen, die klischeehafte Betrachtung ist zu simpel. Mich treibt aber anderes um: Frauen beteiligen sich zu wenig an der Innovation. Sie studieren zu wenig MINT-Fächer, drängen zu wenig in HighTech-Unternehmen, gründen zu selten im technologischen oder digitalen Bereich Start-ups. Von Ausnahmen abgesehen, überlassen sie damit die Digitalisierung zu großen Teilen den Männern. Und somit werden wir wieder strukturell in den innovativen Themen den „männlichen Stempel“ haben. Schade!

Was kann eine Lösung sein, die gesamtgesellschaftlich nicht nach Hiobsbotschaft klingt, sondern nach guten Chancen auf dem Arbeitsmarkt, nach Teilhabe, nach Perspektiven?

Empathie kann nicht von Maschinen übernommen werden. Dafür sind Menschen da, dafür werden sie gebraucht. Auch komplexe Entscheidungen und kreative Prozesse erfordern den Menschen. Er wird niemals überflüssig. Meines Erachtens werden viele neue Berufe entstehen, alte werden sich verändern müssen und in vielen Berufen können sich die Fachkräfte auch wieder auf die eigentliche Kernaufgabe konzentrieren. Vielleicht ängstigt viele Menschen die Geschwindigkeit, mit der die digitale Transformation abläuft und ihnen fehlt die Fantasie, welche neuen beruflichen Möglichkeiten sich bieten. Mit etwas Offenheit und weniger Beklommenheit wäre schon viel gewonnen. Ich bin überzeugt, dass wir die Welt kontinuierlich verbessern können, die Menschen werden von der digitalen Transformation profitieren.

Vita:

Christine Regitz (Jahrgang 1966) studierte Betriebswirtschaftslehre und Physik an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken und der Universität Bari (Italien). Nach dem Studienabschluss arbeitet sie als Consultant bei einer mittelständischen Beratungsfirma, ehe sie 1994 zur SAP SE wechselte. Hier ist sie in verschiedenen Funktionen und Bereichen in der Softwareentwicklung und im Management tätig. Seit 2015 sitzt sie für die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat der SAP SE. Darüber hinaus engagiert sie sich vielfältig für mehr Frauen in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen und ist Vizepräsidentin der Gesellschaft für Informatik (GI).