Die Geschichte hinter dem Bild

Was ein Schnappschuss über unternehmerische Tugenden und Fürsorge erzählen kann.

Die Mitarbeiterin arbeitet viele Jahrzehnte als Stanzerin für ein Metallunternehmen in Ostwestfalen. Das Bild zeigt die Frau an jenem Tag, an dem sie ihr 25. Firmenjubiläum feiert. Das Unternehmen ist eher klein, der Inhaber lässt – Zufall oder nicht – ausschließlich Frauen in seinem Metallbaubetrieb für sich arbeiten, insgesamt 30. Für die 70er- und 80er-Jahre für diesen harten Beruf sicher ungewöhnlich. Doch der Inhaber schätzte „seine Frauen“, verhält sich sehr fürsorglich. Vereinbarkeit von Beruf und Familie istdamals sicher noch ein Fremdwort, aber er ermöglicht zum Beispiel denMüttern, die gerade Kinder bekommen hatten, zwischendurch nach Hause zu gehen, um die Familie und Kinder versorgen zu können.

Jedes Firmenjubiläum wird groß gefeiert. Die Mitarbeiterin bekommt nicht nur den Blumenstrauß, sondern eine Feier ausgerichtet. Im Keller der Firma, in der eigens eingerichteten Bar trifft man sich nach Feierabend, isst und trinkt, feiert zusammen und schwingt das Tanzbein.

Als der Unternehmer vor einigen Jahren stirbt, verfügt er testamentarisch, dass alle früheren Mitarbeiterinnen seines Unternehmens jeweils 2000 Euro erben. Für die Frau auf dem Bild ist dies eine unglaubliche Überraschung und Freude. Wochenlang erzählt sie ihren Kindern davon, dass „ihr Chef“ ihr etwas vererbt und an sie gedacht hat.

Foto privat

Die Geschichte hinter dem Bild erzählt en passant viel über unternehmerische Tugenden: Führung heißt insbesondere auch Fürsorge für die Menschen, die im Unternehmen arbeiten. Den Menschen Aufmerksamkeit widmen, ein Gefühl der Zuwendung vermitteln. Fürsorge klingt in Zeiten digitaler Entwicklungen und Transformationsprozesse merkwürdig veraltet. Aber gerade hier ist erhöhte Achtsamkeit von Führungskräften gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unerlässlich. Die Beschäftigten sind hohen Belastungen ausgesetzt, stehen enorm unter Zeitdruck, müssen immer komplexere Prozesse steuern und bewältigen. Aber gleichzeitig verändern sich Kommunikationswege und -formen. Da bekommt Fürsorge einen völlig neuen Stellenwert: Ein Gespräch auch mal abseits des Arbeitskontextes. Fragen, was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter umtreibt und sie beschäftigt. Fürsorge bedeutet, ein Gespür zu entwickeln, wie und wann jemand mit Überforderungen kämpft und Unterstützung benötigt.

Wer seine Belegschaft wertschätzend behandelt, ihre Arbeit auch im Kleinen anerkennt – es muss ja nicht gleich eine Erbschaft sein –, darf sich der Loyalität und Motivation sicher sein. Im Kampf um Fachkräfte ist das eine nicht zu unterschätzende Tugend.